Die Tinte unter dem Bürgerentscheid war kaum trocken, da kündigte OB Matthias Klopfer bereits den nächsten Schritt an: Noch am Abend des 8. März 2026 erklärte er öffentlich, dem Gemeinderat rasch einen Grundsatzbeschluss zum Verkauf der Heugasse 11 vorlegen zu wollen. Das Timing war kaum zu überbieten.
Was ist die Heugasse 11?
Die Heugasse 11 ist kein beliebiges Gebäude. Die Stadt Esslingen hat das Nachbarhaus des Bebenhäuser Pfleghofs bereits in den 1990er-Jahren erworben – explizit mit dem Ziel, die Bücherei eines Tages dorthin zu erweitern. Beim ersten Bürgerentscheid 2019 hatte eine klare Mehrheit genau das befürwortet: Bücherei im Pfleghof, Erweiterung in die Heugasse 11. Nun, kaum ist der zweite Bürgerentscheid entschieden, soll das Gebäude verkauft werden.
Man könnte das als Trotzreaktion lesen. Oder als vorauseilenden Versuch, vollendete Tatsachen zu schaffen, bevor die Bürgerbeteiligung wieder unbequem werden könnte.
Widerstand aus der Bürgerschaft
Die Reaktion aus der Bürgerschaft ließ nicht lange auf sich warten. In der Einwohnerfragestunde des Gemeinderats konfrontierte Bürgerin Sigrid Ringwald den OB direkt: „Jeder weiß, dass dieses Gebäude für eine Erweiterung der Bücherei gebraucht wird.“ Und sie traf damit einen wunden Punkt: Eine Bücherei, die wachsen soll, braucht Platz. Und die Heugasse 11 ist genau dieser Platz – in unmittelbarer Nachbarschaft, seit Jahrzehnten als Erweiterungsoption vorgehalten.
Auch die Stuttgarter Zeitung kommentierte nüchtern: Klopfers Ankündigung, noch am Abend des Bürgerentscheids den Verkauf in die Wege leiten zu wollen, „wird von vielen kaum als vertrauensbildende Maßnahme verstanden werden.“
Vorerst zurückgerudert – aber kein Rückzug
Angesichts des öffentlichen Drucks hat Klopfer zumindest vorläufig zurückgerudert. Der Verkauf der Heugasse 11 steht nicht mehr unmittelbar auf der Tagesordnung des Gemeinderats. Doch das bedeutet nicht, dass das Thema vom Tisch ist. Der OB ließ keinen Zweifel daran, dass er die Erweiterungsfläche nicht als gesetzt betrachtet. „Wir wollen den Pfleghof so schnell wie möglich sanieren“ – eine Aussage, die Raum lässt für verschiedene Interpretationen, was mit dem Nachbargebäude langfristig passiert.
Ein Gebäude, das die Stadt sich selbst versprochen hat
Die Heugasse 11 gehört der Stadt Esslingen. Sie wurde mit Steuergeld gekauft – für genau diesen Zweck. Diesen Zweck haben die Bürger zweimal bestätigt. Wer jetzt den Verkauf vorantreibt, handelt nicht nur gegen den Willen der Bürgerschaft, sondern auch gegen die ursprüngliche Absicht der Stadt selbst.
Es stellt sich die Frage: Wessen Interessen werden hier eigentlich vertreten? Die der Esslinger Bürgerinnen und Bürger – oder die von Investoren, die auf ein attraktives Grundstück in der Innenstadt warten?
Das Bürgerentscheid-Ergebnis ist klar. Die Heugasse 11 muss bleiben, was sie ist: eine Option für die Zukunft der Bücherei. Esslingen hat sie sich selbst versprochen. Es ist Zeit, dieses Versprechen einzulösen.
